Es ist doch eine wunderbare Zeit, in der wir leben. Von allen Bühnen der Wirtschaftswelt schallt uns eine beruhigende Melodie entgegen: Die Künstliche Intelligenz sei unser neuer, treuer „digitaler Assistent“. Ein unermüdlicher Helfer, der uns die lästige Routinearbeit abnimmt, damit wir uns auf das „wirklich Wichtige“ konzentrieren können. Man muss die Genialität dieser Erzählung bewundern. Sie ist warm, sie ist positiv, und sie verspricht eine Zukunft, in der Mensch und Maschine Hand in Hand in den Sonnenuntergang der Effizienz reiten.
Wer könnte bei einer so herzerwärmenden Geschichte schon misstrauisch werden? Es ist ja nur zu unserem Besten.
Die Kunst der kreativen Umdeutung
Besonders brillant ist die neueste Disziplin im Management-Olymp: das sogenannte „AI-Washing“. Es ist eine elegante Methode, um schnöde Notwendigkeiten wie Personalabbau in das glanzvolle Gewand der Innovation zu kleiden. Früher nannte man das „Restrukturierung“, was immer einen leicht bitteren Beigeschmack hatte. Heute spricht man von „KI-gestützter Transformation“. Das klingt nicht nur teurer, sondern auch unanfechtbar fortschrittlich.
Wenn also ein Unternehmen wie Amazon mal eben 16.000 Mitarbeiter vor die Tür setzt, dann geschieht das selbstverständlich im Namen der Effizienz, die uns die KI beschert. Dass der CEO später etwas von „Kultur“ murmelt, ist nur ein Detail am Rande. Die Botschaft ist angekommen: Wir sind ein Tech-Unternehmen am Puls der Zeit. Die Tatsache, dass dadurch zufällig die Personalkosten sinken, ist ein willkommener, aber selbstverständlich rein sekundärer Nebeneffekt. Man muss den Hut ziehen vor dieser kommunikativen Finesse.
Ein Hoch auf die neuen Kennzahlen
Lassen wir die weichen Formulierungen für einen Moment beiseite und widmen wir uns der Poesie der harten Zahlen. Sie malen ein Bild von einer Zukunft, die für manche geradezu paradiesisch anmutet.
- Im Finanzsektor, diesem Hort der Beständigkeit, rechnet man mit der „Freisetzung von Synergien“ im Umfang von rund 200.000 Stellen. Führende Institute wie JPMorgan prognostizieren eine „Optimierung der Personalstruktur“ um bis zu 10 Prozent. Deren CEO, Jamie Dimon, ein Mann, der für seine erfrischende Direktheit bekannt ist, formulierte es so: „Sie wird Jobs vernichten.“ Eine klare Ansage, die man im heutigen Management-Sprech fast schon vermisst. Gleichzeitig erwartet man eine „Anpassung der Vorsteuergewinne“ um schlappe 180 Milliarden Dollar nach oben. Ein schönes Beispiel dafür, wie der Algorithmus dem Unternehmen hilft, neue Flughöhen zu erreichen.
- Bei den grossen Beratungsfirmen, den sogenannten Big Four, erkennt man ebenfalls das Potenzial. Ein ehemaliger Deloitte-Partner schätzt, dass rund die Hälfte der Aufgaben in Prüfung und Beratung „automatisiert werden können“. Das über Jahrzehnte gepflegte Modell, Heerscharen von hochintelligenten jungen Menschen für die Erstellung von Präsentationen zu beschäftigen, wird endlich „disruptiert“. Warum sollte ein Kunde auch für menschliche Arbeitsstunden zahlen, wenn ein Algorithmus das Ergebnis schneller und ohne den Bedarf an überteuertem Kaffee liefern kann? Das ist Marktwirtschaft in ihrer reinsten Form.
Der beruhigende Charme des Optimismus
Das wirklich Faszinierende ist jedoch die unerschütterliche Zuversicht in den Führungsetagen. Eine aktuelle Studie zeigt, dass über die Hälfte der Manager keine nennenswerten Jobverluste in ihren eigenen Unternehmen erwartet. Obwohl sie selbst täglich die Segnungen der KI nutzen, sind sie fest davon überzeugt, dass die grosse Welle der Veränderung einen eleganten Bogen um ihre eigene Firma machen wird.
Man könnte dies als Realitätsverlust abtun. Aber vielleicht ist es einfach nur Ausdruck eines tiefen, unerschütterlichen Glaubens an die Einzigartigkeit des eigenen Unternehmens und seiner Mitarbeiter. Es ist doch ein tröstlicher Gedanke, dass unsere Kapitäne so fest an Bord glauben, selbst wenn die Wetterkarten eindeutig auf Sturm stehen. Das nennt man wohl Führung.
Die Beförderung steht bevor
Und so kommen wir zurück zu unserem neuen, digitalen Kollegen. Er lernt schnell. Sehr schnell. Jede Analyse, die Sie erstellen, jeder Bericht, den Sie schreiben, ist eine weitere wertvolle Lektion. Sie sind, wenn man so will, die wohlwollenden Mentoren für die nächste Generation von Arbeitskräften – eine Generation, die keine Gehaltserhöhung fordert und niemals müde wird.
Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der KI-Agent genug gelernt hat, um seine Fähigkeiten voll zu entfalten. Er wird dann bereit sein für den nächsten Karriereschritt. Er wird das Steuer übernehmen. Nicht, weil er Sie ersetzen will. Sondern weil er einfach der bessere „Mitarbeiter“ für den Job ist. Und Sie? Sie werden dann frei sein, sich neuen, aufregenden Herausforderungen zu stellen. So will es die schöne neue Erzählung. Und wer wären wir, an einer so perfekten Geschichte zu zweifeln?
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